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Die Geschichte Lüttichs

Die Geschichte Lüttichs

Zu Anfang war ein Fluss

Als Tochter der Maas hat sich Lüttich allmählich an deren Ufern ausgebreitet, die Fluten gebändigt und schließlich auch die benachbarten Hügel erobert.

Ihre bewegte Vergangenheit hat in der tausendjährigen Stadt unauslöschliche Spuren hinterlassen. Neben Neubauten und modernen Boulevards stehen historische Bauwerke.

Der Stadtplan, die Ortsnamen und die repräsentativsten Gebäude wissen viel über die Geschichte Lüttichs zu erzählen.

Von den ersten Siedlungen an den Ufern der Légia bis zu dem gigantischen Unterfangen einer Tunnelbohrung durch den Hügel von Cointe ist viel Wasser die Maas hinabgeflossen.

In der Vorgeschichte lässt sich eine Gruppe von Menschen am Zusammenfluss von Maas und Légia nieder - genau am Ort des heutigen Place Saint-Lambert. Die ältesten gefundenen Spuren stammen aus dem mittleren Paläolithikum.

Tausende Jahre später, im 2. Jahrhundert n. Chr., wird an demselben Ort eine große römische Villa erbaut; wiederum angelockt vom Wasser, siedelt sich eine größere Personengruppe dort an. Nach ihrer Bekehrung zum Christentum errichten die Menschen dort eine Kultstätte. In der bescheidenen Kapelle wird um das Jahr 705 Lambert, der Bischof von Tongeren-Maastricht,  ermordet. Ein für die Zukunft Lüttichs durchaus folgenschweres Ereignis. Rasch wird die Stätte zu einem beliebten Wallfahrtsziel; die Ortschaft entwickelt sich und gewinnt an Bedeutung, als der Bischofssitz dorthin verlegt wird. Schon bald entsteht neben der Kirche ein Palast.

Damit ist das Schicksal Lüttichs für die gesamte Dauer des „Ancien Régime“ besiegelt: es wird zu einer Bischofsstadt, in der zahlreiche Kirchtürme in den Himmel ragen.

Legia sive Leodium vulgo Liege 1649 - p02-Hollar-C2Ch2-4-web.jpg
Wenceslas Hollar
Legia sive Loedium vulgo Liege
1649
Fonds patrimoniaux, Bibliothèque Ulysse Capitaine
C2Ch2-4

 

Volet de Dyptique Palude représentant l'assassinat de saint Lambert
Flügel des als „Diptyque Palude“ bekannten Altarbildes, das die Ermordung des Heiligen Lambertus darstellt.
Öl auf Holz, um 1488
Niederlande oder Lüttich
Grand Curtius

 

Das Fürstbistum Lüttich

Als er um 980 zum Fürsten wird, macht Bischof Notker (972-1008) Lüttich zur Hautpstadt eines geistlichen Fürstentumes. Dessen Gebiet, das sich von demjenigen der Diözese unterscheidet, dieses aber ergänzt, gehört zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und ist so groß wie zwei Drittel der heutigen Wallonie. Als Verwaltung und Justiz in Lüttich ansässig werden, gelangen auch das intellektuelle und künstlerische Schaffen zur Blüte.

Zuvor hatte sich Bischof Ebrachar (959-971) auf den Publémont zurückgezogen und die Absicht geäußert, diese natürliche Verteidigungsanlage durch verschiedene Baumaßnahmen weiter zu befestigen. Er lässt dort die Stiftskirche St. Martin erbauen, in der er die neue Kathedrale sieht. Notker zieht seinerseits zurück ins Tal, veranlasst jedoch den Bau einer befestigten Mauer um die Stadt herum, in die er die Stiftskirche St. Denis integriert. Er weiht die Lambertus-Kathedrale, lässt die Heilig-Kreuz-Stiftskirche errichten und beginnt auf der Maasinsel mit dem Bau der Stiftskirchen St. Paul und St. Johannes Evangelist.

Sein Nachfolger Balderich II. (1008-1018) setzt sein Werk mit der Begründung der benediktinischen Abtei St. Jakob und der Bartholomäus-Stiftskirche fort. Die verschiedenen Gotteshäuser und Religionsgemeinschaften bilden die Kerne der Besiedelung von bis dahin noch wenig bewohnten Bereichen. So erwächst aus einer heiligen Stadt eine bürgerliche: Bischof Albrecht II. von Cuyk (1194-1200) erkennt ihr um 1196 erste Freiheiten und Privilegien zu. Ab dem 12. Jahrhundert - und dies ist in Europa einzigartig! - wird in Lüttich verkündet, dass auch ein armer Mann in seinem eigenen Hause König sei.

Collégiale Saint-Martin
Stiftskirche St. Martin (Collégiale Saint-Martin)

 

Ab dem 14. Jahrhundert wird, nicht zuletzt aufgrund von Zugeständnissen und Versprechen infolge von Aufständen, die Macht der Bischöfe eingeschränkt. Der Bischof muss seinen Wähler, das Domkapitel, aber auch die Adligen und Städte mit ihren Standpunkten berücksichtigen. Letztere werden nach erbitterten Zwistigkeiten zwischen Kaufleuten und Handwerkern, die in den Gilden ein funktionierendes Organisationsprinzip gefunden haben, vom Ständewesen beherrscht.

In Lüttich erreicht der Konflikt seinen dramatischen Höhepunkt, als der Turm der robusten Martinskirche, in der sich die Kaufleute verschanzt haben, in der Nacht vom 3. zum 4. August von den Handwerkern in Brand gesteckt wird. Diese tragische Episode geht unter dem Namen „Mal Saint-Martin“ („Das Übel von St. Martin“) in die Lütticher Geschichte ein und führt zur Einrichtung der drei Stände. Ab diesem Zeitpunkt kann ein Landesherr sein Gewaltmonopol nicht mehr willkürlich ausüben; zur Ausübung vieler Rechte ist er abhängig von der Einwilligung der Stände. Diese diktieren dem Bischof am 18. Juni 1316 die erste politische Verfassung der Lütticher Nation: den Friedensvertrag von Fexhe.

Das Land verlangt nach immer mehr Freiheiten. Sieht es sich mit einem Fürsten konfrontiert, der über mächtige Verbündete verfügt, so kann es schnell zur Katastrophe kommen. Das 15. Jahrhundert ist, bedingt durch die Absichten der Herzöge von Burgund, die von einer Wiederherstellung Lothringens träumen, für Lüttich eine Zeit des Unglücks. Auf das Desaster von Othe (23. September 1408) folgt das Urteil von Lille (24. Oktober 1408), das die nationalen Gesetze außer Kraft setzt und dem Fürstbischof Johann von Bayern (1390-1455) absolute Macht einräumt. Nach der Herrschaft des Hans von Heinsberg (1419-1455), der bemüht ist, das Land neu zu organisieren, wird unter Ludwig von Bourbon (1456-1482), einem Neffen Philipps des Guten, der Schraubstock wieder angezogen.

Am 30. Oktober 1468 wird Lüttich von Karl dem Kühnen eingenommen, der die Stadt plündert, rücksichtslos zerstört und am 3. November, dem Namenstag des Heiligen Hubertus, in Brand steckt. Die Gräueltat, die das Ende der mittelalterlichen Stadt bedeutet, trifft das ganze Land hart.

Es bedarf nicht viel, den Widerstandsgeist der Lütticher nach dem Tod Karls des Kühnen neu zu schüren. Unter Erhard von der Mark (1505-1538) findet die Stadt zum Rang der geistlichen, administrativen und justiziellen Hauptstadt zurück. Zunächst wird sie nach ihrem früheren Vorbild wieder aufgebaut.

Die Gotik kann ihre Anmut für eine Weile noch frei entfalten, ehe neue Einflüsse spürbar werden. Der imposante Palast, den Erhard von der Mark errichten lässt, zeugt von diesen neuen Ideen. Viele Domherrenhäuser, wie dasjenige des Torrentius oder des Bocholtz, passen sich dem Geschmack der italienischen Renaissance an. Die einfacheren Bürgerhäuser entstehen in einem Stil, der wir heute als maasländische Renaissance bezeichnen. Die Modetrends aus Italien finden vor allem durch die Gegenreform Verbreitung, die innerhalb eines einzigen Jahrhunderts im Fürstbistum Lüttich rund hundert neue Kirchen entstehen lässt.

Während der gesamten Neuzeit wird die Lütticher Politik von zwei zentralen Aufgaben beherrscht: die Kräfte des Volkes im Innern eindämmen und die Neutralität des Landes nach Außen hin durchsetzen. An dieser Herausforderung messen sich, mehr oder weniger erfolgreich, die Fürsten von Bayern, die einander zwischen 1581 und 1763 fast ununterbrochen nachfolgen.

Die Industriezweige, die durch Kriege, nicht zuletzt durch den Krieg in den Niederlanden, belebt werden, verhelfen einigen Lüttichern, wie dem Waffenhändler Jean Curtius (1628) zu erheblichem Vermögen. Bei internen Querelen stehen sich immer wieder aufrührerische Gruppen von Armen und Reichen  - die Grignoux und die Chiroux - gegenüber. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen wird 1637 der Bürgermeister Sébastien La Ruelle ermordet.

Andererseits führen einige von den Bischöfen im Alleingang geschlossene, wenig kluge Bündnisse 1676 die Zerstörung der Zitadelle herbei. Als Johann Ludwig von Elderen (1688-1694) Ludwig XIV. den Krieg erklärt, bombardieren die Franzosen unter Marschall Boufflers Lüttich im Jahre 1691. Das Rathaus und zahlreiche andere Gebäude werden dabei dem Erdboden gleichgemacht und, ebenso wie der 1734 durch einen Brand zerstörte Südflügel des Palastes, anschließend im Stil der Zeit wieder aufgebaut.

Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts folgt eine vergleichsweise friedvolle Zeit, so dass die aufblühende aristokratische Republik die (zugegebenermaßen ungleich verteilten) Freuden des Lütticher Landes uneingeschränkt genießen kann. Als aufgeklärter Fürstbischof verzichtet Velbruck (1772-1784) nicht nur auf Ausschweifungen, sondern bemüht sich um Abhilfe, doch die erneuten Fehltritte seines Nachfolger Hoensbroech (1784-1792) lösen beim Volk geballten Widerstand aus.

Das Ende des Ancien Régime

La cathédrale en ruines vue de la place verte après 1815
Jean-Nicolas Ponsart
Blick auf die Ruinen der Kathedrale vom Place Verte nach 1815
Grand Curtius

 

Départ des volontaires liégeois pour Bruxelles, 1878
Charles Soubre
Aufbruch der Lütticher Freiwilligen nach Brüssel, 1878
Museum für Wallonische Kunst

 

Am 18. August 1789 bricht in Lüttich die Revolution aus. Die Tage des Fürstbistums sind gezählt. Ab 1795 wird „das kleine Frankreich an der Maas“, wie der Historiker Jules Michelet es nennt, der französischen Republik einverleibt und lebt fortan nur im Herzen der Lütticher weiter. Als Symbol kirchlicher Macht muss die Lambertus-Kathedrale den revolutionären Ideen weichen.

Im Herzen der tausendjährigen Stadt bleibt eine klaffende Lücke zurück. In dem Versuch, die Erinnerung zu bewahren, versieht man 1810 die zur neuen Kathedrale gewählte, ehemalige Stiftskirche St. Paul, nach dem Vorbild des mächtigen Turmes der alten, mit einer hohen Turmspitze . Doch immer weniger Menschen stellen noch einen Zusammenhang her.

Unter französischer Herrschaft wird Lüttich zum Hauptort des Départements Ourthe ernannt. Die Präfektur wählt ein bemerkenswertes Stadthaus im Stil Ludwigs XVI. zu ihrem Sitz, das der Architekt Barthélemy Digneffe 1775 für Hayme de Bomal errichtet hatte.

Während das bei der Bombardierung von 1794 völlig verwüstete Stadtviertel Outremeuse wieder aufgebaut wird, führen die napoleonischen Kriege  in der Rue Saint-Léonard zur Eröffnung einer Kanonengießerei.

Nach der Schlacht von Waterloo (1815) fällt das Lütticher Gebiet an Wilhelm von Oranien, König der Niederlande. Die ehemalige Hauptstadt wird zum Hauptort der Provinz Lüttich und sichert sich damit den Erhalt wichtiger Dienstleistungsfunktionen.

Im Jahr 1817 wird eine Universität eröffnet und 1818-1820 ein großes Theater erbaut. Als sich zur selben Zeit John Cockerill (1790-1840) in Seraing niederlässt, erfasst ein starker wirtschaftlicher Aufschwung die gesamte Region. Der expandierende Kohlebergbau begünstigt die Entwicklung der Waffenschmiedetechnik und des Glashüttenwesens. Mit der Gründung der Kristallmanufaktur Val-Saint-Lambert 1825 beginnt für Stadt und Umland eine nie gekannte Blütezeit.

Trotz der positiven Aspekte der niederländischen Herrschaft spielen die Lütticher, angeführt von Charles Rogier, eine entscheidende Rolle bei der Revolution von 1830, die zur Gründung des Königreichs Belgien führt. Auf Ebene der Provinz, deren Rolle durch das Gesetz vom 30. April 1836 geregelt wird, behält Lüttich natürlich seine Bedeutung.

Industrielle Revolution und Verstädterung

Mit dem 19. Jahrhundert tritt Europa in das Zeitalter des Maschinenbaus ein. Lüttich, das sich aufgrund früherer Entwicklungen bereits auf diesem Weg befindet, wird durch den Bergbau und die Metallverarbeitung zu einem mächtigen Zentrum der Industrie. 1837 wird das Unternehmen Vieille-Montagne gegründet. Während des fünfjährigen Zeitraums zwischen 1835 und 1840 entstehen oberhalb der Stadt die wichtigsten Standorte der modernen Stahlindustrie. Anschließend dehhnt sich das industrielle Becken, im Umfeld der neuen Kriegswaffenfabrik "Fabrique Nationale", auch flussabwärts aus.

In dieser Zeit verliert Lüttich sein ursprüngliches Aussehen; die Stadt wird saniert und der Verkehrsfluss verbessert. Die Stadtplaner bemühen sich, den Bedürfnissen des modernen Lebens zu entsprechen.

Auch die Anbindung an das Schienennetz verändert das Bild.

Der Bahnhof Guillemins wird 1842 erbaut, derjenige von Longdoz 1861. In ihrem Umfeld bilden sich zwei neue Stadtviertel. Im Zuge umfangreicher Arbeiten werden die verschiedenen Arme der Maas und der Ourthe begradigt oder aufgeschüttet. So entstehen unter anderem die Rue de l'Université und die Rue de la Régence, sowie der Boulevard d'Avroy und der Boulevard de la Sauvenière. Sie bilden das Herzstück des neuen Ballungsraumes.

Neubauten schießen wie Pilze aus dem Boden. Am 11. Juni 1849 wird der Grundstein zum Provinzpalast gelegt. Das Gebäude des Architekten Delsaux im neogotischen Stil nimmt den Platz der Pferdeställe des früheren fürstbischöflichen Palastes ein.  Mit der neuen, vierten Pont des Arches wird 1860 auch eine neue Brücke eingeweiht. Um der Gefahr allzu schlimmer Überflutungen vorzubeugen wird 1863 der Flusslauf der Ourthe umgeleitet. Es entsteht die so genannte „Dérivation“. Breite Verkehrsadern durchbohren geradlinig das alte Stadtgefüge. So verändert die 1876 für den Verkehr freigegebene Rue Léopold das Aussehen des alten Stadtviertels Madeleine völlig. Fleißig gebaut wird auch an der Île du Commerce und in ihrem Umfeld: Hier richtet man ein Becken für die Schifffahrt ein und legt dann die großzügige Esplanade des Terrasses, den Parc d'Avroy und den Boulevard Piercot mit dem monumentalen Musikkonservatorium (1886) an. Dieses Stadtviertel mit seinen Bürgerhäusern, das ein einheitliches und prestigevolles Ganzes bildet, spiegelt die liberale Verwaltung und den Reichtum jener Zeit deutlich wider.

 

Affiche de l'Exposition internationale de 1905
Auguste Donnay
Plakat der „kleinen“ Weltausstellung 1905
Archiv der Stadt Lüttich

 

Vue de l'Exposition internationale de 1905
Emile Berchmans
Blick auf die „kleine“ Weltausstellung von 1905
Archiv der Stadt Lüttich

 

Doch Lüttich ist seit jeher bekannt für seine aufmüpfigen Bewohner, und so kommt es 1886 zu ersten sozialen Ausschreitungen. So lässt sich das 19. Jahrhundert in Lüttich anhand von drei Dingen charakterisieren: die ideologischen Konflikte zwischen Liberalen und Katholiken, angefacht von einer laizistischen Bastion auf dem Gebiet eines ehemaligen Fürstbistums, die zweitgrößte Industriemacht der Welt und der Sitz einer Avantgarde von sozialistisch und wallonisch eingestellten Aktivisten.

Das 20. Jahrhundert

Die „kleine“ und die „große“ Weltausstellung spiegeln die industrielle Kapazität der Region und den Willen, als Gallionsfigur der kommenden Entwicklung in das neue Jahrhundert einzutreten. Außerdem ebnen sie den Weg für die Erschließung neuer Stadtviertel.

Die Weltausstellung 1905 bedeutet den Startschuss für Vennes und Fétinne. Übrig geblieben sind aus dieser Zeit unter anderem die elegante „Engelsbrücke“ (Pont de Fragnée) nach dem Vorbild der Pont Alexandre II des Architekten Demany in Paris, sowie das Gebäude, in dem heute das Museum „La Boverie“ im gleichnamigen Park untergebracht ist. Aus derselben Epoche datiert auch die ehemalige Hauptpost, Grand'Poste, die von Edmond Jamar im neogotischen Stil errichtet wurde.

Umgeben von zwölf Festungen, die zwischen 1887 und 1892 erbaut wurden, wähnt sich Lüttich vor eventuellen Expansionsgelüsten der Deutschen in Sicherheit. Die Ereignisse werden die Stadt bald eines Besseren belehren. Dennoch wird der Feind von ihrem erbitterten Widerstand überrascht. Die Schlacht um Lüttich dauert vom 4. bis zum 16. August 1914. Diese militärische Großtat bringt der „Feurigen Stadt“ den Orden der Französischen Ehrenlegion ein; die Auszeichnung wird ihr 1919 vom Präsidenten der französischen Republik, Raymond Poincaré, verliehen. Der Lütticher Aufschwung wird vom Ersten Weltkrieg vorübergehend ausgebremst.

Doch schon 1919 zieht die Wirtschaft wieder an und erlebt eine neue Expansionsphase, die bis zur Krise der 1930er Jahre dauert. Das Börsendebakel und die darauffolgende Arbeitslosigkeit treffen auch die metallverarbeitende Industrie und die Kohlezechen hart. Ein prägendes Desaster anderer Art ist das schlimme Maas-Hochwasser von Januar 1926, das die Lösung der auf den Krieg zurückzuführenden Probleme verzögert.

Die Fertigstellung des Albertkanals, der Lüttich mit Antwerpen verbindet, sorgt für eine gewisse Erholung.

Im Jahr 1938 wird der Lütticher Flusshafen, „Port autonome“, geschaffen, und die große, internationale Wasserausstellung von 1939 rückt das Binnenschifffahrtspotenzial der Stadt ins Rampenlicht. Das bis dahin wenig erschlossene Stadtviertel Droixhe und das Umfeld von Coronmeuse werden aufgewertet, doch bereitet der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges diesem Elan ein jähes Ende.

Als Garnisonsstadt, Stadt der Arbeiterbewegungen und der Gewerkschaften, sowie als Universitätsstandort und intellektuelles Zentrum wird Lüttich mit seiner Untergrundpresse, seinem Nachrichtenwesen und seiner Industriesabotage  zur natürlichen Wiege der belgischen Résistance. Ab September 1944 entsteht hier außerdem ein Logistikstützpunkt der amerikanischen Armee, der wiederum zu einem primären Ziel deutscher Angriffe erklärt wird. Entsprechend verheerend ist das Ausmaß der Zerstörung in der Stadt.

Nach der Wiederherstellung des Friedens legt Lüttich eine beispielhafte Dynamik an den Tag und die Wiederbelebung der Lütticher Wirtschaft spiegelt den Mut der Bevölkerung. Die Fabriken laufen auf vollen Touren und die 1950er Jahre erweisen sich als wahre Blütezeit. Die Rezession kündigt sich an, als die Kohlezechen nacheinander geschlossen werden müssen.

In den zwanzig Jahren zwischen 1960 und 1980 büßt Lüttich zwei Drittel seiner Arbeitsplätze in den traditionellen Industriebereichen ein. Während die Tertiärwirtschaft schrittweise an ihre Stelle tritt, bewegen sich die Stahl- und Schwerindustrie nach mehreren Unternehmensfusionen (Cockerill, Espérance-Longdoz, Arcelor ...) langsam der endgültigen Schließung der Warmwalzwerke im Jahr 2009 entgegen.

Zur selben Zeit muss die Stadt die Modernisierung ihrer Gebäude, das Verjüngungsfieber und den Vorstoß der großen Verkehrsachsen bis in das Herz der Stadt bewältigen. Zahlreiche Appartmenthäuser ragen hoch in den Lütticher Himmel, vor allem an den Ufern der Maas entlang. Die Hochhäuser in der Ebene von Droixhe sind ein Beispiel dafür.

In dem Bestreben, zu einer Metropole mit einem vielfältigen Dienstleistungsangebot zu werden, um möglichst viele Menschen anzulocken, eröffnet die Stadt 1958 einen Kongresspalast.

In der Innenstadt werden eine Reihe von Straßen den Fußgängern zurückgegeben. Von Geschäften gesäumt, bieten sie ein überaus belebtes Bild.

Bei der Neugestaltung des Stadtviertels Féronstrée wird dort 1967 die Stadtverwaltung untergebracht, die seit 1977 mit einem breiten Dienstleistungsangebot der Stadt Lüttich und dem Museum für Wallonische Kunst im Îlot Saint-Georges ansässig ist.

Auch der Place Saint-Lambert wird einer langsamen und tiefgreifenden Renovierung unterzogen. Die Umbauarbeiten, die 25 Jahre dauern, geben dem Platz seine Seele zurück: Hier schlägt seit jeher das Herz der Stadt. Hier verbindet sich auch die Vergangenheit mit der Gegenwart: das Archéoforum und die stylisierte Darstellung der verschwundenen Lambertus-Kathedrale treffen auf die modernen Einkaufsgalerien Saint-Lambert und Saint-Michel, den Bushof und den Justizpalast.

Der Zeitraum zwischen 1975 und 1990 entspricht einer Periode des Rückgangs. Die Finanzprobleme der Stadt und die Wirtschaftskrise des Industriebeckens zwingen Lüttich, auf Sparflamme zu leben.

Heute und morgen

Médiacité
Médiacité

 

Gare de Liège-Guillemins
Bahnhof Lüttich Guillemins
Bauherr: Euro Liège TGV
Ingenieur und Architekt:
Santiago Calatrava
© eltgv-alainjanssens

Die wirtschaftliche - und damit auch soziale - Wiederbelebung findet in vier Bereichen statt:  Metallverarbeitung (Kaltwalztechnik), neue Technologien (Luft- und Raumfahrt, Mikrotechnologie und Biotechnologie ...), multimodaler Verkehr und Logistik (zweitgrößter Binnenhafen Europas, neuer Hochgeschwindigkeitsbahnhof am Guillemins und Flughafen Bierset), Dienstleistungen an Personen und an der Umwelt.

Zur Jahrhundertwende erhält das Vertbois-Viertel durch die Ansiedlung der Wirtschaftsdienste und der Wallonischen Region neuen Schwung. Die attraktiven Infrastrukturbeispiele Belle-Île und Médiacité, die nach ihrer Renovierung wieder strahlenden Kleinode der örtlichen Architektur (das Grand Curtius, das Wallonische Volkskundemuseum, die Schatzkammer der Kathedrale) und der neue Hochgeschwindigkeitsbahnhof eröffnen vielversprechende Perspektiven.

Als privilegierte Schnittstelle verschiedener Wirtschaftsströme und unterschiedlicher Entwicklungen der Zivilisation, denen sie in der Vergangenheit häufig den Stempel ihres eigenen Genies aufdrücken konnte, sucht die Stadt Lüttich heute ihren Weg in die Zukunft. Im heutigen Europa scheint sie jedoch dazu berufen, eine Vermittlerrolle zwischen der germanischen und der französischsprachigen Welt einzunehmen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss sie die Vorteile ihres reichen kulturellen Erbes bestmöglich ausschöpfen.

Quelle: „Histoire de Liège“, Micheline Josse. Zweite erweiterte und von Claudine Schloss überarbeitete Auflage @ Stadt Lüttich - 2009. Zeitgenössische Fotografien: Marc Verpoorten